Artikel

SELECT * FROM artikel WHERE artikel_id='8'

Die Renaissance des Gr÷▀enwahns

Lebendigkeit ist das Ziel gewesen. Man wollte die Authentizit├Ąt des Livekonzertes dem H├Ârer in Studioqualit├Ąt bieten. Das scheint allumfassend gelungen, denn ich durfte ein Werk h├Âren, das eine erstaunliche Eigendynamik entwickelt: Die frischgepre├čte, brandaktuelle Goethes Erben - CD "Schach ist nicht das Leben". Dieses livehaftige Goethes Erben - Album ist melodisch und doch druckvoll geworden - und ehrlich, weil die Erz├Ąhlerfigur des St├╝ckes "Schach ist nicht das Leben" ihren Rollencharakter verliert. Musikalisch und produktionstechnisch auf h├Âchstem Niveau pr├Ąsentieren Oswald Henke, Mindy Kumbalek und Troy pr├Ągnante, emotionsgeladene St├╝cke zwischen grenzenloser Angst und begr├╝ndeter Euphorie, Kabarett und Ritual, selbstverfa├čter Esotherik und narzistischer Erotik. Mindy Kumbalek und Oswald Henke hatten also gute Gr├╝nde extrem gut gelaunt ├╝ber dieses Werk zu reden und nat├╝rlich ├╝ber ein bi├čchen mehr ...

Die Idee, die deutsche Sprache in das Zentrum eines musikalischen Theaters zu stellen, veranla├čte Oswald Henke und Peter Seipt im Januar 1989 ein Projekt names Goethes Erben ins Leben zu rufen. Man w├Ąhlte den Namen nicht, um sich mit dem gro├čen Dichter zu messen, sondern um schon im Namen eine Verbindung zur deutschen Sprache herzustellen. Seit Februar 1991 sind Mindy Kumbalek (Keyboards, Saxophon, Percussions, ... ) und Oswald Henke (Worte ... ) der Inbegriff f├╝r Goethes Erben. Mit Conny R. (Gitarren) zum Trio erg├Ąnzt nahmen sie das Deb├╝talbum "Das Sterben ist ├Ąsthetisch bunt" auf, das zum Beginn einer Albumtrilogie wurde, die sich mit den Grenzbereichen zwischen Leben und Tod besch├Ąftigte.

O.H.: Ich finde es nach wie vor bemerkenswert, da├č sich diese nicht musikalische CD 12000 mal verkauft hat...

M.K.: ... und sie verkauft sich noch immer ...

O.H.: ... wie auch die anderen ├Ąlteren Ver├Âffentlichungen von Goethes Erben

"Schach ist nicht das Leben" ist im Vergleich dazu ein sehr kompaktes Album geworden. Oswald Henke arbeitete verst├Ąrkt mit choruskompatiblen Wiederholungen. Musikalisch haben sich Goethes Erben wieder einmal in eine Richtung entwickelt, die man nicht erwartete. Abgefahren ist man immer noch, doch gleichzeitig gef├Ąlliger. Orgiastische Gef├╝hlsausbr├╝che gibt es immer noch, doch gleichzeitig ist man melodi├Âser geworden. Goethes Erben erz├Ąhlen zwar immer noch eine zusammenh├Ąngende Geschichte, doch die einzelnen St├╝cke sind in sich geschlossener. Das Trio hat also all seine Seiten exzessiv in Szene gesetzt und dabei den Beweis abgeliefert, da├č diese Gegens├Ątze miteinander harmonieren. Dies geschah in Saarbr├╝cken unter der Obhut von FM Einheit (ex - Einst├╝rzende Neubauten). Wie kam es den zu dieser Zusammenarbeit ?

O.H.: FM Einheit war sozusagen der Wunschproduzent von uns. Er hat auch nur deshalb mit uns zusammengeasrbeitet, weil wir deutschsprachige Musik machen. Wir waren, glaube ich, deshalb f├╝r ihn interessant, weil wir etwas Eigenst├Ąndiges machen und nicht irgendeine Kopie sind.

Der Anspruch anders zu sein, eskalierte ja f├Ârmlich auf der vorangegangenen CD. Absichtlich gegen den Trend, die Tanzbarkeit zum Ma├č aller Dinge zu machen, wurde die mit Troy erneut zum Trio gewachsene Gruppe mit ihrem namenlosen vierten Studioalbum extrem avantgardistisch. Die einstigen Gef├╝hle, die das Seelenleben von Goethes Erben lyrisch widerspiegelten, wurden gewisserma├čen tiefgek├╝hlt.

O.H.: "Blau" war meiner Ansicht nach das Erben - Album mit der gr├Â├čten Dichte und der Pathos wich der Gewalt des Wortes.

Auf der Blau/Rebell - Tour 1995 inszenierte man einem allerortens zahlreich erschienenen Publikum eine bizarre, kalte Einmaligkeit mit einer aufwendigen Licht- und Videotechnik. Die zwei zusammengeh├Ârigen Kurzgeschichten sind ziemlich lang und stark strukturiert. Die neuen St├╝cke sind dagegen sehr songorientiert und gr├Â├čtenteils 3-4 min.

M.K.: W├╝rde ich nicht ganz so sehen. "Begr├╝├čende Worte" ist ziemlich lang geworden.

O.H.: Diesmal geht es um Gef├╝hle. Dementsprechend gestaltet sich auch die Arbeit im Studio. Wir setzen thematisch in einer kalten Welt ohne Farben an, befinden uns anfangs also in der Eisw├╝ste von "Blau". "Schach" stellt dabei am besten die dabei herrschenden Gegens├Ątze dar: Schwarz und Wei├č.

Von dort aus begeben sich Goethes Erben auf die Suche nach den Farben des Lebens. Klingen die St├╝cke deshalb so lebendig, als w├Ąren sie von einer Band mit Schlagzeug, Ba├č usw. eingespielt ?

O.H.: Wir waren sieben Leute im Studio und hatten Spa├č miteinander. Die gleiche Band wird ├╝brigens auch die Fr├╝hjahrskonzerte mitbestreiten. Diese Konzerte sind eine neue Inszenierung der 96er Tour, auf der wir diese St├╝cke erarbeitet haben. Wir werden ein komplett neues, surreales B├╝hnenbild haben, das sich von der Schachthematik etwas entfernt. Mit dabei sein wird auch die Ballettgruppe Ombra Ballare.

M.K.: Ich habe die kompletten Texte bekommen und die Musik dazu geschrieben ...

O.H.: .. danach haben wir sie arrangiert und Mindy hat dann noch die Feinheiten ausgearbeitet, bevor wir die Grundversion des Albums mit der Band einstudierten. Obwohl die Musiker so strikte Vorgaben hatten, wurde "Schach ist nicht das Leben" sp├Ąter durch Improvisationen z.B. vom Schlagzeuger oder den Streichern bereichert.

Die Inszenierung wurde im Rahmen ein 96er Tour aufgef├╝hrt und die einzelnen St├╝cke konnten sich so live weiterentwickeln, bevor die Band ins Studio ging. Im Vergleich zum Vorg├Ąnger ist das eine vollkommen neue Arbeitsweise.

O.H.: Die gro├če St├Ąrke von Goethes Erben war schon immer die Livepr├Ąsenz und die Tatsache, da├č wir die St├╝cke und die Auff├╝hrungen immer wieder uminszenieren. Wir sind keine dieser DAT-Bands, die dann alte B├Ąnder umkopieren. Das ist bei manchen Electrobands sehr auffallend. "Oh h├Âr mal, jetzt spielen sie ein altes St├╝ck, da fehlen noch die Loops ..."

M.K.: Wir sind seit den Anf├Ąngen eine Liveband und unsere St├╝cke waren live immer besser als auf Studioalben.

O.H.: Das kam der Live-CD "Leben im Niemandsland" sehr zu gute, wobei wir damals noch einen Kompromi├č mit den alten Erben-St├╝cken schlossen.

Von April bis Juni 1993 gab die Gruppe insgesamt sechs Konzerte in einer stark erweiterten Livebesetzung. Gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler und Produzenten Vladimir Ivanoff (Sarband, Vox) arrangierte man ├╝berwiegend ├Ąlteres Material um und erg├Ąnzte die Instrumentierung der St├╝cke um Violinen, Cello und Percussions. Der Konzertmitschnitt aus dem "Zwischenfall" in Bochum wurde als Livealbum "Leben im Niemandsland" (1993) ver├Âffentlicht. Der Br├╝ckenschlag zur Klassik ist Goethes Erben damit mehr als gelungen, den diese CD gilt als eine der besten Goethes Erben - Ver├Âffentlichungen ├╝berhaupt.

O.H.: Wir arbeiteten damals noch mit Computerdrumming usw. Auf der neuen CD h├Ârst du dagegen keine einzige Sequenzerspur, au├čer bei "Erkaufte Tr├Ąume", einem sehr elektronischen St├╝ck. Selbst "Ein Moment der Ruhe", was wir auf der B├╝hne noch mit Sequencer gespielt haben, wurde im Studio komplett live eingespielt.

M.K.: Ich glaube, da├č wir eben diesen Erben-typischen Livecharakter im Studio sehr gut eingefangen haben.

O.H.: Man mu├č sich vorstellen: Wir haben das ganze Album live aufgenommen und danach verschiedene Stimmspuren und Percussions als Overdubs erg├Ąnzt. Viel ausbessern mu├čte man dabei nicht. Nur die Stimme ist eben bis zum Exzess aufgenommen worden. Bei "Erkaufte Tr├Ąume" habe ich einen halben Tag damit verbracht, eine bestimmte Textpassage x-mal aufzunehmen. Damit wird die Sprache zur Rhythmik.

"Erkaufte Tr├Ąume" ist in einer anderen Version auf dem "We came to dance"-Sampler erschienen und ├╝berrascht durch eine eher Erben-untypische Tanzbarkeit.

M.K.: Naja, so tanzbar ist das Teil nun auch wieder nicht.

O.H.: Wenn man das ganze noch ein paar Beats schneller macht und eine stupidere Bassdrum druntergelegt h├Ątte, dann h├Ątte "Erkaufte Tr├Ąume" erfolgreich werden k├Ânnen ... .

M.K.: Warte doch erstmal ab, wie sich das entwickelt. Ich h├Ątte auch nicht gedacht, da├č "Sitz der Gnade" in den Discotheken so gut l├Ąuft.

[Weiter]